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Samstag, 25. Mai 2013

Bolgheri - Die französische Toskana

Er brach auf grandiose Weise mit den Regeln, baute statt der vorgeschriebenen italienischen Reben lieber die Bordeaux-Sorten Cabernet sauvignon und Cabernet franc an und schuf den berühmtesten Wein Italiens, den Sassicaia. Mit diesem Geniestreich setzte Marchese Mario Incisa della Rocchetta das unbekannte toskanische Fleckchen Bolgheri auf die Wein-Weltkarte und löste dort einen Boom aus. 
Datei:Bolgheri Castello 001.JPG

In Bolgheri zuhause

Toskana-Urlauber, die von Livorno aus einen Ausflug unternehmen und die Via Aurelia entlangfahren, verschlägt es möglicherweise nach Bolgheri. Sie fahren durch eine ungewöhnlich hohe, ungewöhnlich lange Zypressenallee, an deren Ende sich ein großes Tor befindet. Vielleicht lassen sie das Auto draußen stehen, gehen durch das mittelalterliche Tor, vorbei an einem Palazzo, wie es sie überall in der Toskana gibt: mit rechteckig zugeschnittenen Zinnen, bei deren Anblick man sich vage der Geschichte der kaisertreuen Ghibellinen und der dem Papst ergebenen Guelfen erinnert, deren trutzige Gemäuer sich angeblich durch die Form der Zinnen unterschieden. Dahinter ein verschlafenes Nest, kaum mehr als 100 Einwohner. 

Eine Zypressenallee weist den Weg


Datei:Viale dei Cipressi, Bolgheri, Castagneto Carducci.JPG
Vielleicht kommt den Besuchern kichernd und schwatzend eine Schulklasse entgegen. Denn seit Josuè Carducci, Italiens erster Literatur-Nobelpreisträger, vor 150 Jahren in einem schwärmerischen Gedicht die nach Bolgheri führende Zypressenalle besungen hat, strahlte etwas vom Glanz des Dichters auf den Ort ab und setzte einen bescheidenen Bildungstourismus in Gang. Auf der Suche nach Erfrischung und italienischem Flair lassen sich unsere Ausflügler vielleicht draußen vor der Enoteca Tognoni nieder, wo Wein und handfeste toskanische Küche serviert werden. Bis hierhin: nichts Besonderes. Auffällig an Bolgheri ist höchstens, wie unspektakulär es auf den ersten Blick wirkt.

Francesco hat ihn - den begehrtesten Wein Italiens

Doch vielleicht werfen unsere Besucher einen Blick in die Weinhandlung, in der Patron Francesco Tognoni unaufgeregt seinen Geschäften nachgeht. Bei näherem Betrachten der Weinregale wird schlagartig klar, dass in Bolgheri doch etwas anders ist. Zwar ist in der Toskana grundsätzlich nichts billig, aber die Preise für die Weine aus dem Ort sind auch für toskanische Verhältnisse hoch. Der Blick mag zuerst auf ein Preisschild fallen, das mehr als 100 Euro für eine Flasche ausweist, und dann auf die dazugehörige Flasche, die ein Etikett trägt, auf dem in blauem Kreis ein achtstrahliger goldener Stern prangt. Sassicaia steht unter dem Stern, eine Jahrgangszahl und: Bolgheri Sassicaia DOC.

Sassicaia hat seinen festen Platz in der Weingeschichte

Dieser karge Schriftzug besagt, Bolgheri hat Weingeschichte geschrieben. Denn so viel Ehre wurde noch keinem Wein in Italien zuteil. Der Sassicaia, benannt nach dem von Kieselsteinen – sassi – durchsetzten Boden, auf dem er wächst, hat ein gesetzlich definiertes Anbaugebiet ganz für sich allein. Seit 1994 – seitdem darf Bolgheri Sassicaia DOC auf dem Etikett stehen.
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