Follow by Email

Freitag, 12. Juli 2013

Barbera d'Asti und Barbera d'Alba: Zwei Rotwein-Welten in direkter Nachbarschaft

Barbera hat in nur drei Jahrzehnten eine bemerkenswerte Rebsortenkarriere hingelegt. Einst als rustikaler Massenwein verrufen, ist er heute eine ernst zu nehmende Alternative zu den Nebbiolo-Weinen der Gegend und kann mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis punkten. Das Städtchen Asti mit seinen Trabanten wie Agliano Terme oder Nizza Monferrato ist das Zentrum. Hier ist der Barbera der rote König, in Alba, wo Barolo und Barbaresco zu Hause sind, ist er ein Prinz.

Zwischen Asti und Alba liegt eine Welt

Eine Stunde benötigt man für die Fahrt von der geschäftigen Auto-Metropole und Piemont-Hauptstadt Turin ins Weinstädtchen Asti, das auf den ersten Blick ein schmuckloses, nüchternes Verwaltungsstädtchen mit wenig Charme ist. Die Geschichte erzählt von Handwerk und Banken. Asti biedert sich nicht mit einer Infrastruktur aus Andenkenläden und Restaurants mit einem menù turistico an auswärtige Gäste an. Besucher sind willkommen – wenn sie sich denn in den piemontesischen Alltag einfügen und dem Takt der Bewohner anpassen. Genau diese Unverfälschtheit macht den Reiz der Innenstadt mit ihren Bürgerhäusern und den Geschäften aus, die in erster Linie darauf ausgerichtet sind, die Einheimischen zu versorgen.

Das Klima macht den Unterschied

Die hügelige Landschaft rund um Asti, das Astigiano und das Monferrato, besitzt fast alles, was das Piemont auszeichnet: eine kleinteilige, wild und verwachsen wirkende Gegend mit Wäldchen, kleinen Gehöften und Weingärten im Wechsel. Nur gewaltige Burgen auf Hügeln sucht man vergebens, markante Blickfänge sind die Kirchtürme vieler kleiner, sympathischer Orte. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden hier – auch bedingt durch die Erbgesetze, die eine Aufteilung der Besitztümer vorsahen – viele kleine Landwirtschaften und Bauernhöfe, auf denen für die Selbstversorgung gearbeitet wurde. Wein bildete einen selbstverständlichen Bestandteil der Ernährung, gehörte zu den Grundnahrungsmitteln, nahrhaft und Freude spendend. Bis heute ist die Landwirtschaft von Familienbetrieben geprägt. Die Sommer sind trocken und heiß, während im Winter regelmäßig Schnee fällt und die Weingärten bedeckt. Besonders reizvoll ist hier der Herbst. Intensiv leuchten die Farben dieser Jahreszeit im piemontesischen Licht, und es duftet intensiv nach Waldboden und Laub – was übrigens auch eine der einprägsamsten Aromakomponenten der hiesigen Rotweine ist.

Barbera, ein großzügiger Rotwein und beliebter Alltagswein

Barbera ist im Piemont die mit Abstand am weitesten verbreitete Rebsorte, gut die Hälfte aller Rebflächen sind mit ihr bepflanzt. Seit dem 13. Jahrhundert, als er erstmals in einem Schriftstück dokumentiert wurde, wahrscheinlich noch länger zurück, war der Wein vor allem bei den Bauern sehr beliebt. Weil er robust war, wenig Pflege brauchte und selbst in widrigsten Jahren ohne großen Produktionsaufwand einiges abwarf.Die Sorte liebt heiße Sommer. Und der typisch piemontesische Mix aus der Hitze des Tages und der Kühle der Nacht ist ein wichtiger Faktor, der die Säure in der Beere erhält und die Fruchtigkeit fördert. Die Rebe entwickelte über die Jahrhunderte durch spontane Mutationen unzählige Varianten. In Zeiten der Masse-ist-Klasse-Gläubigkeit der sechziger und siebziger Jahre wurden vor allem jene Stöcke vermehrt, die hohen Ertrag brachten, die Qualität wurde zur Nebensache. Klar, dass Feinheit und Langlebigkeit nicht eben die hervorstechenden Merkmale eines solchen Massen-Barbera waren. Diese Negativ-Auslese führte dazu, dass viele Weinkundige der Rebsorte als solcher wenig Gutes zutrauten.

Aus dem Schatten des Nebbiolo herausgetreten

Außerdem überstrahlte Nebbiolo als der Elegante und Prächtige ohnehin alles. Umso größer war die Verblüffung, als in den frühen achtziger Jahren der erste Edel-Barbera lanciert wurde. Giacomo Bologna aus Rocchetta Tanaro vom Weingut Braida wurde mit seinem Bricco dell’Uccellone (uccellone heißt großer Vogel) Vorreiter für einen völlig neuen Barbera-Stil. 
Weiterlesen im Buch: Italiens Weinwelten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen